Das vergessene Teilgebiet der Rhetorik

von Leif Frenzel.

Vielleicht ist Ihnen dieser Verdacht auch schon gekommen: irgendetwas fehlt in vielen Rede- und Gesprächssituationen. Das ‘gewisse Etwas’.

Da haben wir uns nun so viel mit Körpersprache und Stimme beschäftigt, uns die ‘Raumanker’ und die ‘PowerPostures’ und die Stimmprojektion … und was nicht alles sonst noch antrainiert. Und trotzdem, trotzdem, trotzdem hapert es gewaltig an der Wirkung — und zwar nur zu oft.

Bild: das vergessene Teilgebiet der Rhetorik

Etwas hat es da einmal gegeben (in der Rhetorik), das irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Es ist eine verlorene Kunst.

Was ist es, dieses ‘gewisse Etwas’?

Wir sind einer irreführenden Idee aufgesessen: wir haben uns einreden lassen, daß Kommunikation vorwiegend non-verbal sei. Aber das ist ein Mißverständnis. Es stimmt zwar, daß es in den vergangenen Jahrzehnten höchst interessante (und nützliche) Einsichten über non-verbale Kommunikation gegeben hat. Aber das bedeutet ja nicht, daß der verbale Anteil der Kommunikation deshalb nun weniger wichtig sei.

In Wirklichkeit ist der Hauptanteil von Kommunikation nach wie vor verbal. Was wir ausdrücken, das formulieren wir in Wörtern und Sätzen; und das bewußt und gekonnt zu tun ist notwendig (und oft auch hinreichend) für erfolgreiche Kommunikation. Die non-verbalen Tricks sind nur ein Extra, das Salz in der Suppe.

Stellen Sie sich vor, alle Köche der Welt würden sich nur noch auf die Kunst des Würzens spezialisieren. Sie würden die subtilsten und originellsten Gewürzmischungen erstellen. Die Wissenschaft würde die Wirkung von Gewürzen bis ins Kleinste erforschen und erstaunliche Ergebnisse liefern. Und die Kochbücher wären zu 97% mit Gewürztechniken gefüllt. Wäre das ein gesunder Zustand für die Kochkunst?

Reden und Gespräche sind vor allem Sprache

Ob es nun Vorträge oder Präsentationen im Job sind, oder Hochzeitsreden — oder auch Gespräche: vom Bewerbungsgespräch bis zum romantischen ‘Date’, vom Feedback-Gespräch bis zum Verhandeln über einen Vertrag. In allen diesen Fällen ist das erste und wichtigste, das rhetorische Wirkung erzeugt, Ihre Sprache.

aber-nicht-sondern-formelDas beginnt mit den einfachsten Dingen, zum Beispiel dem bewußten Vermeiden von Floskeln, die Ihre eigene Auffassung in Frage stellen. Und es reicht bis zum guten ‘Handwerk’: spezifisch zu Formulieren, gekonnt zu argumentieren, in Geschichten wirkungsvoll einzusteigen.

Formulierungskunst ist eine Angelegenheit der Wortwahl, der Satzkonstruktion, der bewußt gewählten und strukturierten Inhalte — und nicht der Körpersprache oder der Stimme.

Deshalb ist sie universell: Körpersprache zum Beispiel hilft Ihnen am Telefon wenig; wenn Sie etwas Schriftliches formulieren, können Sie nicht mit Stimmtechniken arbeiten. Aber die Fähigkeit, mit klaren und überzeugenden Sätzen direkt auf den Punkt zu kommen, steht Ihnen in allen Lebenslagen zur Verfügung. Und was Sie interessant als Redner und einfühlsam als Gesprächspartner macht ist oft einfach nichts anderes, als die richtigen Worte zu finden.

Entfesseln Sie die Kraft Ihrer Sprache!

Ich möchte Sie einladen, wieder mehr Formulierungskunst in Ihre Reden und Gespräche zu holen. Hier gibt es so viel Spannendes zu entdecken, oder vielmehr: wiederzuentdecken. Manches wird Ihnen vielleicht neu sein; anderes haben Sie vielleicht immer schon geahnt (oder vielleicht früher sogar schon eingesetzt). Lassen Sie es bewußt wieder einfließen!

Mehr über Formulierungskunst erfahren Sie in meinem neuen Buch, das im Juni 2016 erschienen ist. Schauen Sie doch mal rein …