Der situative Eisbrecher

von Leif Frenzel.

Morgens um halb zehn, in einem Besprechungszimmer. Am Tisch gegenüber sitzen neue Gesichter: ein anderes Team; mit dem Sie etwas koordinieren sollen; Vertreter einer Partnerfirma, oder Besuch von einem wichtigen Kunden. Und Sie hören jemanden sagen: “Na, fangen wir doch mal mit einer kleinen Vorstellungsrunde an …”

Es ist eine dieser unvermeidlichen Situationen im Arbeitsleben. Und kaum jemand mag sie, diese sogennannten ‘kleinen Vorstellungsrunden’. Beim eigenen Beitrag sind wir ein bißchen nervös; bei den Beiträgen der anderen reicht das Spektrum oft von ‘gelangweilt’ bis ‘peinlich berührt’ (manchmal fühlen wir uns auch genervt, oder sogar eingeschüchtert).

Und dann geschieht plötzlich ein kleines Wunder. Einer der Kollegen lächelt, und beginnt mal ausnahmsweise nicht so, wie alle anderen (“Tja, ich bin der soundso, und ich mache dasunddas.”) — stattdessen macht er eine kleine, humorvolle Bemerkung — alle lachen, die Anspannung fällt von den Gesichtern, eine spürbare Auflockerung geht durch den Raum — der Kollege sagt ein paar bescheidene Worte über sich selbst, und kommt dann schnell und elegant zum Schluß.

Die Technik

Ich nenne das einen ‘situativen Eisbrecher’. Eisbrecher, weil er das Eis bricht; situativ, weil er aus der Situation entspringen muß. Der Schlüssel zu einem gelungenen Eisbrecher ist nämlich, daß er eine Verbindung zur Situation herstellt, zum ‘Hier und Jetzt’ — zu dem, was Sie gerade tun, und zu den Menschen die daran beteiligt sind. Ein situativer Eisbrecher macht Sie als Sprecher ‘präsent’ in der aktuellen Redesituation.

Bild: Eis

Photo: www.camillahey.dk / Wikimedia Commons

Das ist das Besondere daran. Weil er aus der Situation entspringt, erkennen alle Beteiligten intuitiv, daß Sie den Eisbrecher nicht schon zum x-ten Mal herbeten, daß es keine Floskel oder einstudierte Bemerkung ist. Weil es etwas anderes ist, als alle erwarten, wirkt es spielerisch. Weil es die anderen in den Humor einbezieht, schafft es Verbindung (statt Distanz).

Wie macht man das?

Naturgemäß kann man so eine situative Kommunikationstechnik nicht planen oder proben. Aber Sie können die Chancen, daß Ihnen in der Situation eine passende, freundliche Idee in den Sinn kommt, dennoch beträchtlich erhöhen.

1. Der Schlüssel dazu liegt darin, besonders auf die Situation zu achten:

Fällt Ihnen etwas auf? Gab es einen zufälligen ‘roten Faden’ in dem, was Ihre Vorredner gesagt haben? Oder haben die Menschen sonst etwas Interessantes gemeinsam? (Ein Kollege von mir saß eines Tages einer Gruppe gegenüber, in der jeder durch Zufall ein blaues Kleidungsstück trug; nach seinem Beitrag leitete er geistesgegenwärtig über: “Und jetzt gebe ich das Wort an das ‘Blaue Team’.”)

2. Bleiben Sie humorvoll und spielerisch im Tonfall, und achten Sie darauf, daß der Humor von der konstruktiven Sorte ist (und nicht als unterschwellig aggressiv, sarkastisch ankommt). Vermeiden Sie Ironie — Ironie ist ein Distanzierungssignal, sie verbindet nicht.

3. Halten Sie Ihren eigenen Redebeitrag, die eigentliche Selbstdarstellung, äußerst kurz: relevant, aber sehr knapp. Das funktioniert am besten, wenn Sie sich die Aussage vorher überlegt haben, und eine präzise Formulierung bereit haben. (Das ist der einzige Teil, den Sie vorher wirklich proben können.) Nach einem gelungenen Eisbrecher ist die Versuchung besonders groß, etwas länger zu reden — da Sie ja gerade die freundliche Aufmerksamkeit der Runde gewonnen haben. Widerstehen Sie dieser Versuchung! Ihr positives Image wird es eher stärken, wenn Sie schnell zum Punkt kommen.

Probieren Sie es aus! Achten Sie auf diese drei Dinge, und versuchen Sie sich an situativen Eisbrechern. (Jede ‘kleine Vorstellungsrunde’ im Job ist eine Gelegenheit, es zu trainieren.) Sie werden bemerken, daß Sie schon sehr schnell ein Gefühl dafür bekommen, und den ‘richtigen Blick’ für die Situation entwickeln.