Die Wahrheit über Video-Mitschnitte

Wie Sie etwas wirklich Brauchbares aus Aufzeichnungen Ihrer Vorträge herausholen

von Leif Frenzel.

und-jetztSie haben den Ratschlag oft gehört: “Zeichne Deine Rede auf Video auf, und lern draus!”

Sie haben sich der Tortur unterzogen. (Seien wir ehrlich. Solange wir uns nicht daran gewöhnt haben, ist es ein seltsam unangenehmes Gefühl, sich selbst auf dem Bildschirm anzuschauen. Das geht beinahe jedem so.)

Sie haben vielleicht sogar einen kleinen Körpersprache-Tic entdeckt, oder ein immer wiederkehrendes Füllwort. Und das haben Sie ausgebügelt.

Und jetzt?

 

Wie gut ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Video-Mitschnitten?

Als ich selbst mit dieser Praxis angefangen habe — vor etwa fünf Jahren —, habe ich es nicht lange durchgehalten. Nach ein paar Runden hatte ich nicht mehr das Gefühl, etwas Brauchbares mitzunehmen.

Und genau betrachtet ist das auch keine große Überraschung. Kein Redner (nicht mal ich) hat so viele offensichtliche Körpersprache-Tics und Füllwörter. Und bei den eher subtilen Dingen hilft das Video oft nicht weiter: es zeichnet zwar gnadenlos jede Kleinigkeit auf, aber Sie wissen nie, ob genau diese Kleinigkeit vom Publikum überhaupt wahrgenommen wird — oder nicht.

Von den offensichtlichen Dingen am Anfang einmal abgesehen, hält sich der Nutzen also in Grenzen. Spätestens beim dritten oder vierten Mitschnitt sind diese erschöpft. Und dann?

Lohnt es sich dann immer noch, jedesmal diese 5-, 10-, oder 30-minütigen Aufzeichnungen durchzusehen, um daraus etwas für die eigene Rhetorik zu lernen?

Worauf Sie wirklich achten sollten

Die Antwort ist: ja! — wenn Sie aufhören, auf so momentane Dinge wie Körpersprache-Tics und Füllwörtern zu achten. Die rhetorischen Goldadern des Video-Mitschnitts liegen anderswo.

Nämlich?

Wir sind alle Personen, und eine Person besteht aus vielen Verhaltensweisen. Das sind Angewohnheiten in der Art wie wir stehen, sprechen, wie wir uns bewegen; Gewohnheiten darin, wie wir auf Situationen reagieren.

Wenn Sie schon sehr viel Bühnenerfahrung haben, dann gehören dazu gewisse ‘Bühnen-Angewohnheiten’ — ein gewisser ‘Bühnenstil’.

Wenn Sie noch nicht so viel Bühnenerfahrung haben, dann sind es eher solche Dinge, die Sie vom Rest Ihres Lebens auf die Bühne mitbringen.

In beiden Fällen sind es jedoch Dinge, die Sie nicht in einer einzelnen Stichprobe in einer Video-Aufzeichung finden. Sie finden sie nur, wenn Sie mehrere verschiedene Aufzeichnungen miteinander vergleichen, und die wiederkehrenden, großflächigen Muster betrachten.

Bühnen-Angewohnheiten und Lebens-Angewohnheiten

Und das ist, wonach Sie schauen sollten: nicht unbedingt auffallende, aber immer wiederkehrende Gewohnheiten:

  • Wie stehen Sie dem Publikum gegenüber? Ändert sich die Pose im Laufe des Vortrags? Ändert sich Ihre Position?
  • Wechseln sich Spannung und Entspannung in Ihrer Körperhaltung ab? Oder bleibt die Spannung durch den ganzen Vortrag hindurch gleich?
  • Was haben Sie für einen Blickkontakt-Stil? Schweift Ihr Blick durch den Raum? Springen Sie von einem Menschen im Publikum zum anderen?
  • Verfallen Sie oft unvermittelt in ein kurzes Lachen? (Das ist wunderbar in informellen Gesprächen mit einzelnen Gesprächspartnern, aber wirkt auf der Bühne meistens eher verlegen.)
  • Wie halten Sie Gegenstände in der Hand? (Z.B. einen Whiteboard-Stift, oder die Laptop-Fernbedienung?)
  • Wird Ihre Sprache im Verlauf des Vortrags einfacher oder komplizierter? (Viele Redner, die ich kenne, beginnen mit kurzen, einfachen Sätzen — und verfallen dann in längere, kompliziertere.)
  • Verändert Sich Ihr Sprechtempo in jeder Rede vom Langsamen zum Schnellen?

Der wahre Wert des Videos

Das Video hilft Ihnen, solche Angewohnheiten zu finden. Denn Ihre Erinnerung einer Rede, die Sie vor Wochen gehalten haben, ist längst verblaßt. Aber ein Video von vor drei Wochen können Sie direkt mit einem Video von gestern vergleichen.

Es sind diese Angewohnheiten, die Ihren Stil ausmachen — Ihren tiefer liegenden Stil als Redner oder Rednerin. Experimentieren Sie damit! Ersetzen Sie eine Angewohnheit gezielt durch eine andere, oder übertreiben Sie sie (z.B. für humoristische Zwecke).

Sie werden schon bald merken, daß Sie damit rhetorische Effekte erzielen, die Sie mit der Arbeit an Körpersprache-Kleinigkeiten oder Füllwörtern nicht erreicht hätten. Und so lohnt sich dann auch die Anstrengung mit Video-Aufzeichungen.