Drücken Sie sich ‘genauer’ aus

von Leif Frenzel.

Umberto Eco erläutert in einem seiner humorvollen Artikel, wie man es vermeidet, ‘genau’ zu sagen. 1

Bild: Punkt am Horizont

Warum sollten wir das? Nun, Eco zufolge sollten wir es vermeiden, weil das Wort ‘genau’ ein Klischee ist: es wurde zur Mode, als im Fernsehen die ersten Quiz-Shows aufkamen. Deshalb “zeigt damit, wer es sagt, daß er seine Sprache aus dem Fernsehen gelernt hat” (129).

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt damit noch ein anderes Problem: sprachliche Angewohnheiten machen unsere Sprache eintönig, einsilbig und berechenbar (und damit uninteressant) für unsere Gesprächspartner.

Woher kommen die sprachlichen Klischees?

Ecos Artikel ist schon etwas älter — er stammt aus dem Jahr 1990 —, aber im Grunde gilt seine Beobachtung auch heute noch.

Sprachliche Angewohnheiten sind erstaunlich schnell und leicht angenommen. Aus mehreren Gründen:

  • Wir hören sie von allen Seiten: im Fernsehen, in Zeitschriften, dann auch von Kollegen und Freunden …
  • Wir benutzen sie gern, weil jeder sie benutzt, und somit fallen wir damit nicht auf. Niemand wird uns überrascht anschauen …
  • Sie erlauben uns, beim Sprechen auf ‘Autopilot’ zu schalten. Wir können reden und dabei mit den Gedanken anderswo sein, müssen nicht wirklich präsent im Gespräch sein.

Um Ihre Gespräche lebendig und interessant zu machen, und dabei auch die Aufmerksamkeit Ihrer Gesprächspartner zu fesseln, vermeiden Sie solche sprachlichen Klischees besser.

Wie machen Sie es besser? (Und warum?)

Schauen wir uns ein paar von Umberto Ecos Beispielen an:

  • Hallo, spreche ich mit Max Müller? — Genau. Am Apparat, was gibt’s?
  • Was haben Sie gesagt, Herr Doktor? Aids? — Genau. Tja, tut mir leid.
  • Sie sagen, ich sei ein Halunke? Genau. Sie haben’s getroffen.
  • Ist der Eincheckschalter schon zu? — Genau. Sehen Sie den kleinen Punkt da am Himmel?

Die vorgeschlagenen Antworten sind nicht nur weniger einsilbig als ‘genau’. Sie bieten dem Gesprächspartner auch jeweils einen Anknüpfungspunkt. (Die Vorschläge von Eco sind natürlich etwas satirisch, weil es sich ja um einen humoristischen Artikel handelt. Aber das Prinzip ist im Alltagsgespräch das gleiche.) Sie antworten mit einem ganzen Satz, und bringen damit automatisch mehr Information in Ihren ‘Beitrag’ zum Gespräch.

Mit einer einsilbigen Antwort bleiben Sie passiv: Sie reagieren lediglich auf Ihren Gesprächspartner, und zwar in minimaler Weise. Besser ist es, wenn Sie einen Teil der Verantwortung für die Gesprächsführung übernehmen — also aktiv etwas einbringen. Wenn Sie das Gespräch in Gang halten wollen (und nicht wollen, daß es einschläft), dann ist es besser, einsilbige Antworten zu vermeiden. Versuchen Sie, Ihre Antwort stattdessen möglichst ausführlich und artikuliert zu machen.

So bringen Sie sich auch persönlich mehr in die Gesprächsführung ein, zeigen also etwas von sich selbst. Sprachliches Klischees (Floskeln, die allgemein bekannt sind, und die so ziemlich jeder benutzt) sind anonym. Gerade weil sie jeder verwendet, sagen sie Ihrem Gesprächspartner rein gar nichts über Sie. Wenn Sie Interesse für Ihre eigene Person wecken wollen, dann sind Sie damit also schlecht beraten.

Mit anderen Worten: ohne ‘genau’ (oder andere Klischees) sind Sie, paradoxerweise, genauer: nämlich ‘dichter dran’ an Ihrem eigentlichen Rede- oder Gesprächsziel.

Ohne ‘genau’ sind Sie genauer

Das also ist der tiefere Sinn in Ecos humoristischem Ratschlag: vermeiden Sie es, ‘genau’ zu sagen (oder ein anderes sprachliches Klischee zu verwenden) — vor allem deshalb, weil Sie so Ihre Gespräche am Leben halten, und mehr Interesse auf der anderen Seite wecken können.

Übrigens: Sprachliche Angewohnheiten und Klischees gehören zu den vielen kleinen Dingen, unter denen Ihre natürliche Formulierungskraft ‘verschüttet’ ist. Wenn Sie diese natürliche Kraft freilegen wollen, und mehr Redegewandtheit entwickeln wollen, dann schauen Sie doch einmal in mein kürzlich erschienenes Buch zur Formulierungskunst!

  1. Umberto Eco, “Wie man es vermeidet, ‘genau’ zu sagen”. In: Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge. München: dtv 1995, 129-130.