“Ich weiß, da kann man auch anderer Meinung sein, aber …”

von Leif Frenzel.

Hören Sie sich auch manchmal so etwas sagen?

Viele Menschen tappen immer wieder in diese Falle. Bevor sie zum eigentlichen Punkt kommen, stellen sie ihre eigene Aussage schon in Frage — meistens durch abschwächende Floskeln, zum Beispiel:

  • Darüber gibt es ja unterschiedliche Sichtweisen, aber … [Aussage]
  • Ich habe noch nicht alle relevanten Informationen geprüft, aber … [Aussage]
  • Das ist nur meine persönliche Meinung, aber … [Aussage]
  • Ist wahrscheinlich nicht besonders wichtig, aber … [Aussage]
  • Das führt ein bißchen vom Thema weg, aber … [Aussage]

Die Wirkung ist fast immer nachteilig: die Zuhörer werden von der Aussage weniger überzeugt sein. Der übliche Ratschlag (den Sie sicher auch schon selbst erteilt bekommen haben), ist also der: lassen Sie solche abschwächenden Floskeln am besten ganz fallen.

Okay. Aber trotzdem schleichen sich solche Formulierungen immer wieder ein. Was geht hier vor sich?

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Hier ist der Schlüssel zum Verständnis: was in solchen Momenten geschieht hat nicht viel mit den Inhalten zu tun — also mit dem, was Sie sagen. Es hat etwas damit zu tun, wie Sie sich in der Situation fühlen.

Nehmen Sie ein Beispiel. Stellen Sie sich vor, ein Redner spricht zu einer Betriebsversammlung, und er will eine Aussage treffen: “Unsere Firma sollte sich auf den Bereich X konzentrieren.” Der Redner hat sich vorher, in seinem Büro, diese Aussage gut überlegt, und ist von den Argumenten dafür überzeugt.

redesituationUnd dann tritt er vor seine Zuhörer. Der ganze Raum ist voll mit Menschen: einige davon sind positiv eingestellt; einige werden skeptisch sein; manche sicher auch kritisch. Es wird sicher Diskussionen geben — vielleicht kontroverse. Der Redner wird unsicher.

Und statt seine Aussage einfach zu machen (mit fester Stimme, und in klaren Worten), versucht er sich instinktiv ‘abzusichern’. Er versucht, das Publikum schon im Voraus zu beschwichtigen. Und er sagt: “Ich weiß, daß man da unterschiedlicher Meinung sein kann — der eine oder andere hat sicher Bedenken … aber ich denke, daß sich unsere Firma auf den Bereich X konzentrieren sollte.”

Die abschwächende Formulierung ist ein Resultat seiner Unsicherheit.

Aber beachten Sie: die Unsicherheit bezieht sich nicht auf die Aussage. Über die Aussage ist sich der Redner nach wie vor sicher. Die Argumente überzeugen ihn immer noch. Die Unsicherheit kommt aus der Redesituation. Sie entsteht, weil er nun vor einem Publikum steht und dieses überzeugen muß.

Die Lösung für abschwächende Formulierungen liegt also weniger darin, was Sie sagen, oder wie Sie Ihre Argumente formulieren. Die Lösung liegt darin, wie Sie mit Ihrer eigenen emotionalen Situation umgehen.

Drei Tips für einfache erste Schritte

Um erfolgreich solche abschwächenden Formulierungen aus Ihrer Redeweise zu verbannen, empfehle ich Ihnen die folgenden Techniken:

1) Wenn Sie einen Vortrag vorbereiten, markieren Sie sich solche Aussagen, die Ihnen wichtig sind, und bei denen Sie ‘Gegenwind’ im Publikum vermuten. Proben Sie vor allem, diese Aussagen klar, direkt, und selbstsicher auszusprechen.

Tun Sie es laut vor dem Spiegel! Möglicherweise werden Sie überrascht sein, wie schwer Ihnen das beim ersten Mal fällt. Aber machen Sie es ein paar Mal, und das Blatt wendet sich. Sie werden sich nun sicher mit Ihrer Aussage fühlen, und das dann auch in der Vortragssituation ausstrahlen.

2) Beobachten Sie sich selbst; falls Sie Videoaufnahmen von ihren Vorträgen oder Präsentationen gemacht haben, schauen Sie sich diese nochmals an. Achten Sie darauf, welche abschwächenden Phrasen Sie gewohnheitsmäßig verwenden.

Eliminieren Sie diese dann gezielt, so wie Sie ‘Ähs’ und andere Füllwörter eliminieren würden.

3) Wenn es Ihnen leichter fällt, dann lassen Sie abschwächende Floskeln nicht ganz weg, sondern nehmen Sie sich einfach vor, sie nicht schon im Voraus anzubringen. Stellen Sie sie nach!

Ihr Publikum hat dann Ihre Aussage schon gehört, und kann so auch die Einschränkung besser einordnen. Und Sie wirken eher so, als ob Sie auf einen legitimen (möglichen) Einwand eingehen — und weniger unsicher.

Ausblick

Mit dieser Hintergrund-Information wird es Ihnen leichter fallen, dem (berechtigten) Ratschlag zu folgen — und vorauseilende, abschwächende Formulierungen aus Ihrer Redeweise zu verbannen.

Mehr dazu finden Sie übrigens in meinem neuen Buch zur Formulierungskunst. Schauen Sie mal rein …