Personalisierung – der einfache Weg zu wirksamen sprachlichen Bildern

von Leif Frenzel.

Meister-Geschichtenerzähler Neil Gaiman leitet eine frühe Passage seines Romans Neverwhere so ein:

It was a Friday afternoon. Richard had noticed that events were cowards: they didn’t occur singly, but instead they would run in packs and leap out at him all at once.[1]

Und anschließend geschieht genau das: die Ereignisse überstürzen sich für Richard, die Hauptfigur, und jedes bringt ihn in eine größere Verlegenheit.

Das sprachliche Bild strukturiert die Geschichte

Daß Gaiman hier die ‘Ereignisse’ zu Personen macht, die sich feige miteinander verschwören, um im Rudel über Richard herzufallen, ist nicht nur einfach ein schönes sprachliches Bild. (Das ist es natürlich auch!)

Es strukturiert auch die Geschichte, die nun folgt: jedes einzelne der drei Ereignisse wird nun in einem kurzen Block von zwei bis drei Abschnitten erzählt.

Mit anderen Worten: die Erzählung hat drei Teile, von denen jeder ein (für Richard unangenehmes) Ereignis schildert. Aber statt einfach anzukündigen: “An diesem Tag geschahen drei Dinge, die Richard in Verlegenheit brachten …”, verpackt Gaiman die Ankündigung in ein sprachliches Bild.

So wird es nicht nur anschaulicher, sondern auch spannender: wir fragen uns nicht nur, welches Ereignes wohl als nächstes folgt, sondern auch, welche Unannehmlichkeit als nächstes auf unseren Helden zukommt.

Die Technik: Personalisierung

Und die Technik ist denkbar einfach: statt eines abstrakten Begriffs formulieren wir so, als ob es sich um eine Person handeln würde. In Gaimans Roman wird also aus einem ‘unangenehmen Ereignis’ ein feiger Verschwörer.

Bild: Götterbilder

 

Auf den weitesten denkbaren Radius hat diese Technik übrigens Paulo Coelho ausgedehnt. Im Prolog zu seinem Roman Der Alchemist heißt es, daß “das ganze Universum sich zu unseren Gunsten verschworen hat, auch wenn wir nicht genau wissen, warum.”[2]

Probieren Sie es selbst einmal aus!

Und natürlich können Sie diese Technik auch sehr einfach für Ihre eigenen Zwecke verwenden.

Machen Sie in einfach in Ihrem nächsten Vortrag jeden der Hauptteile zu einer ‘Person’. Beispielsweise sprechen Sie nicht von ‘drei Ursachen, die zu Problemen geführt haben’, sondern von ‘unseren drei Gegenspielern’ — oder nennen Sie die beiden ‘Faktoren am Markt, die sich für uns positiv ausgewirkt haben’ die ‘gut gelaunten Götter des Marktes’.

Natürlich ist bei solchen Personalisierungen oft ein Augenzwinkern dabei: wir wissen ja, daß die Ereignisse in der Wirklichkeit sich nicht wie Personen verhalten. Aber für das Publikum wird es automatisch anschaulicher und ansprechender — nicht zuletzt deshalb, weil die Vorgänge eine gewisse emotionale Färbung erhalten, wenn wir Menschliches hineininterpretieren können.

Nutzen Sie also die Kraft der Personalisierung für sich, und bauen Sie sie in Ihre Formulierungen ein!

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Anmerkungen und Nachweise

[1] Neil Gaiman, Neverwhere. New York: HarperTorch 1996, 17.

[2] Paulo Coelho, The Alchemist. New York: Harper 1993, ix.