Storytelling: der wirkungsvolle Einstieg

von Leif Frenzel.

Wenn Sie Geschichten als rhetorisches Mittel einsetzen, dann kommt oft dem Einstieg in die Geschichte eine besondere Bedeutung zu.

Photo: Blueduck4711Ein gelungener Einstieg fesselt das Publikum; er weckt Neugier (oder wirft Fragen auf), die dann im Verlauf der Geschichte beantwortet werden; und er leitet die Imagination des Publikums direkt zum Ort des Geschehens.

Aber wie finden Sie einen guten Einstieg? Was sollte im ersten Satz Ihrer Geschichte vorkommen?

 

Ein Griff in die Werkzeugkiste der Literaturtheorie

Dazu habe ich Ihnen heute ein kleines Werkzeug aus der Literaturwissenschaft mitgebracht. (Genauer gesagt: aus der Erzähltheorie, oder Narratologie, einem Teilgebiet der Literaturtheorie.) Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen der Story und dem Plot einer Erzählung.

Der Plot umfaßt alles, was sich in Ihrer Geschichte konkret ereignet. Das können sein: Handlungen (eine Figur tut etwas), Dialog (eine Figur sagt etwas), Naturereignisse (ein Gewitter), usf.

Der Plot ist also einfach eine Liste der stattfindenden Ereignisse. Ein Beispiel:

  • Auf einer Reise stehe ich plötzlich vor der Schule, die ich als Kind besucht habe.
  • Ein alter Mann tritt aus der Schultür und lächelt mich an.
  • Ich sage zu ihm: “…” (hier beginnt ein Dialog)


Der Plot umfaßt also nur Ereignisse; und zwar solche, die sich am Ort und zur Zeit der Geschichte ereignen. Im Gegensatz dazu beinhaltet die Story auch Hintergrundinformationen, die nicht zum Plot gehören, aber zum Verständnis der Erzählung nötig sind.

Zu unserer Beispiel-Geschichte könnte also gehören:

  • Ich war seit meiner Kindheit (vor vielen Jahren) nicht mehr an diesem Ort gewesen.
  • Damals habe ich eine ärgerliche Erfahrung gemacht, die mir stark in Erinnerung geblieben ist.
  • Ich habe es lange Zeit vermieden, dorthin zurückzukehren.

Alle diese Details sind nicht Teil des Plots: sie geschehen nicht am Ort der Geschichte, und sie liegen zeitlich vorher. Das Publikum muß aber davon erfahren, sonst versteht es die Geschichte nicht. Deshalb gehören sie ebenfalls dazu: sie sind Teil der Story.

Der gekonnte Einstieg in die Geschichte

Wie hilft Ihnen diese Unterscheidung nun, einen wirkungsvollen Einstieg in Ihre Geschichte zu finden?

Ganz einfach: stellen Sie sicher, daß der erste Satz Ihrer Geschichte ein Ereignis enthält, das zum Plot gehört. Beginnen Sie also nicht mit der Vorgeschichte, sondern steigen Sie direkt mit dem Plot ein. (Liefern Sie die Vorgeschichte dann nach.)

Lassen Sie mich den Unterschied wieder an unserem Beispiel demonstrieren.

Beginnen Sie also nicht mit der Story:

“Wie ihr alle wißt, bin ich in der Stadt … aufgewachsen; dort steht auch meine alte Schule. Ich habe es lange vermieden, dorthin zurückzukehren. Ich habe nämlich immer noch ein sehr unangenehmes Ereignis aus der damaligen Zeit in meiner Erinnerung. Nun bin ich aber kürzlich, auf einer Reise, dennoch in … vorbeigekommen, und plötzlich stand ich vor meiner alten Schule. […]”

Steigen Sie stattdessen direkt mit dem Plot ein:

“Kürzlich kam ich auf einer Reise durch …, und plötzlich stand ich vor meiner alten Schule. [Plot] Hier war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gewesen. [Story] Aber die schwere, alte Schultür war immer noch dort, und als sie sich mit einem Knarren öffnete, kam ich mir wieder wie in die Vergangenheit versetzt vor. Ein alter Mann trat aus der Tür und lächelte mich an. [Plot] […]”

Die zweite Version wirkt stärker: sie bringt das Publikum sofort an den Ort des Geschehens, und spricht so die Imagination an. (Die erste Version erwähnt den Ort nur; die zweite Version läßt an dem Ort tatsächlich etwas geschehen.) Sie können sofort eine Beschreibung von Sinneseindrücken einbauen (z.B. lautes Knarren). Und die Handlung der Geschichte kommt schneller in Gang. (Die beiden Versionen haben die gleiche Menge an Text, aber in der zweiten Version ist schon viel mehr passiert als in der ersten.)

Um also einen wirkungsvollen Einstieg zu finden, achten Sie darauf, daß in Ihrem ersten Satz ein Plot-Ereignis stattfindet!

(Noch ein Tip auf der Seite: es empfiehlt sich immer, auch kreativ in anderen Gebieten zu wildern. In diesem Fall, achten Sie einmal darauf, wie Kinofilme das machen. Sie beginnen beinahe immer mit dem Plot, oft in sehr dramatischer Weise, und liefern dann die Vorgeschichte in Form von Rückblenden nach.)