Was bedeutet es, authentisch zu sein?

von Leif Frenzel.

“Sei authentisch!” … Das hört man oft. (Vielleicht zu oft?) Authentisch sein ist in Mode — oder zumindest ist es in Mode, diesen Ratschlag großzügig zu verteilen.

Aber was genau bedeutet das eigentlich: ‘authentisch’ zu sein? Worin äußert es sich konkret, wenn jemand ‘authentisch’ ist?

authentisch

In unserem Gebiet, in der Rhetorik, haben wir es mit einer speziellen Anwendung dieser Frage zu tun. Wir sagen manchmal, daß ein Redner besonders authentisch ‘rüberkommt’. Wieder andere finden wir gekünstelt und irgendwie nicht ‘authentisch’. Was hat der eine, was der andere nicht hat? Muß man etwas bestimmtes können, um authentisch zu sein?

Heute habe ich für Sie wieder etwas gewildert: diesmal in der Philosophie, um der Sache etwas auf den Grund zu gehen. Ich habe drei der wichtigsten Merkmale einer authentischen Person zusammengetragen, und ein paar Anregungen ergänzt, wie Sie diese (allgemeinen) Merkmale auf Ihre Rhetorik anwenden können.

Legen wir also los!

Kongruenz

Authentisch ist, bei wem das Innen und das Außen übereinstimmen:

  • Wer also das in Worten ausdrückt, was er wirklich denkt (und nicht das, was die Leute hören wollen).
  • Wer das tut, was er für richtig hält (und nicht das, wovon er glaubt, daß es auf den geringsten Widerstand trifft).
  • Wer zeigt, was er wirklich empfindet (und nicht z.B. ein falsches oder verlegenes Lächeln aufsetzt).

Dieses erste Merkmal läßt sich ziemlich direkt auf die Rhetorik übertragen: ein authentischer Redner wird also beispielsweise sagen, was er denkt, und nicht, was das Publikum gern hören möchte. Oft werden ja Meinungen und Argumente vorgebracht, die ein Redner gar nicht selbst überzeugend findet — weil er glaubt, daß sie sein Publikum eher überzeugen werden, als was er selbst denkt. Sobald das Publikum das bemerkt, wird es diesen Redner für inauthentisch halten.

Um authentisch zu bleiben, achten Sie also darauf, daß Ihr Inneres (Ihre Auffassungen und Gefühle) und das, was Sie äußern, zusammenpassen.

Eigentlichkeit

Ein etwas altertümliches Wort für das, was wir heute ‘authentisch’ nennen, ist das Deutsche ‘Eigentlichkeit’. Und darin steckt das Wort ‘eigen’. Authentisch ist, wer seinen eigenen Weg geht, und nicht den, der von anderen vorgegeben ist; wer seine eigenen Ziele ansteuert, und seine eigenen Gründe hat, statt diese von anderen (oder vom allgemeinen Gerede) einfach so zu übernehmen.

Eine häufige Form des nicht-Eigenen findet man im Business, wenn ein Sprecher die Linie seines Vorstands vertritt, ohne eigentlich selbst daran zu glauben. Solche Redner werden schnell als inauthentisch durchschaut. Ebenso geht es uns oft, wenn wir Reden von Politikern hören, die keine wirklich eigene Position haben, sondern ihr Fähnlein nach dem Winde drehen — also immer der Mehrheit folgen (oder der eigenen Fraktion).

Uneigentlichkeit kann es aber auch anderswo geben, selbst in persönliche Geschichten. Ich könnte Ihnen etwas darüber erzählen, wie es sich anfühlt, einen Marathon zu laufen. (Ein beliebtes Thema bei Inspirationsrednern.) Aber in meinem Fall wäre das inauthentisch, weil ich diese Erfahrung nicht selbst gemacht habe — ich kenne sie nur vom Hörensagen. Es ist nicht meine eigene; und deshalb würde es nie so richtig überzeugen, wenn ich sie als Beleg in eine meiner Reden einbauen würde.

Um authentisch zu bleiben, bleiben Sie also immer auf Ihrer eigenen Linie, und verwenden Sie persönliche Erfahrungen nur dann, wenn Sie sie aus eigenem Erleben kennen.

In der konkreten Situation sein

Schließlich ist auch der nicht authentisch, der sich in Allgemeinplätzen ergeht, statt das zu erfassen und zu artikulieren, was in der aktuellen Situation gegeben und relevant ist.

Auch hier wieder ein Beispiel aus dem Berufsleben: kennen Sie auch diese Typ von Manager, der regelmäßig vorbeikommt und sich in leerem Geschwätz ergeht, statt sich für die konkrete Arbeitssituation zu interessieren? Das ist inauthentisch, weil die Worte nichts mit dem Jetzt und Hier zu tun haben, mit den Menschen und dem, woran sie gerade arbeiten. (Der Manager sagt vermutlich die gleichen Dinge im nächsten Büro wieder, wo sie genauso ‘passen’.)

Auf die Rhetorik übertragen: finden Sie stets einen konkreten Bezug für allgemeine Aussagen. Das können Beispiele oder Geschichten sein, mit denen das Publikum direkt etwas anfangen kann. Versuchen Sie eine Verbindung zum vertrauten Alltag Ihres Publikums zu schlagen. Gehen Sie auch auf die aktuelle Redesituation ein: nehmen Sie Impulse aus dem Publikum auf (z.B. Rückfragen, Lachen und andere Reaktionen).

Ihr Vortrag wird dann jedesmal ein klein wenig anders, auf das konkrete Publikum und die konkrete Situation zugeschnitten sein. Authentisch ‘rüberkommen’ werden Sie vor allem, wenn jeder im Publikum merkt, daß Sie den Vortrag, den Sie gerade halten, in dieser Form nur genau einmal gestalten — jetzt und hier, für genau diese Zuhörer.